Ungewollt Rechts

20 Jahre arbeitet Volker Märksch schon im Strafvollzug. Folgen auf seine Psyche und politische Einstellungen ist er sich bewusst. Was ihn trotzdem in seinem Beruf hält.

Von Helena Kost, 14.01.2022

© Helena Kost

Justizvollzuganstalt Berlin Kisselnallee, Volker Märksch sitzt in seinem Büro, schaut in den Wald, die Vögel zwitschern im Hintergrund.

Volker arbeitet seit 20 Jahren im Strafvollzug, momentan ist er im offenen Vollzug für Männer tätig. Hier können sich Inhaftierte innerhalb des Geländes frei bewegen, ihre Zimmertüren sind nicht verriegelt und sie können auf Antrag Arbeiten oder sogenannten Freigang erhalten. Volker ist als Sozialpädagoge und Gruppenleiter eben für diese Anträge zuständig. Nur ein weiteres Zimmer trennt sein Büro von den Haftzellen der Inhaftierten. Sie können das Büro ohne Sicherheitsvorkehrungen betreten, nur wenn Volker das Zimmer verlässt, schließt er es zu.

Bevor er sein Studium begonnen hat, hat er eine Ausbildung bei der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte, auch BVA genannt, gemacht. Die Arbeit im BVA fand er aber fürchterlich, weil er nur mit Akten zu tun hatte und nichts mit Menschen. Mit der Geburt seines ersten Kindes hat er sein Sozialpädagogik Studium angefangen. In den Strafvollzug ist er dann durch ein Praktikum gekommen, da eine Bekannte der Meinung war, dass er perfekt für die Arbeit im Strafvollzug wäre. Seitdem ist er dort durchgehend tätig. Besonders dass jeder Tag ein anderer ist, hält ihn dort.

Bevor er in der Kisselnallee angefangen hat, arbeitete er 10 Jahre in der Justizvollzuganstalt Tegel. Sie war damals Deutschlands größte geschlossene männliche Vollzugsanstalt. Der Unterschied zu einem offenen Vollzug ist groß. Es müssen wahnsinnig schwerwiegende Taten vollbracht werden, um in Deutschland in eine geschlossene Anstalt zukommen.

“Die Menschen, die dort sind, sind zum Teil wirklich notorische Verbrecher – schwerstkriminell und menschlich wirklich schlecht. Man kann es so auf den Punkt bringen: Sie sind einfach wirklich böse.”

Volker Märksch

Auf die Frage, welche Vorteile sein Beruf hat, nennt Volker sofort die Anstellung als Beamter. Er hat keine Angst um seine Anstellung und ist nicht der freien Wirtschaft ausgesetzt. Seine Anstellung ist sicher. “In dem Bereich macht es ja auch Sinn, weil es eine absolut hoheitliche Aufgabe ist Menschen in ihrer Freiheit zu beschränken”, begründet er. Vor ein paar Jahren hätte er sogar noch mehr verdient als ein Sozialpädagoge in der freien Wirtschaft.

Denkpause, die Vögel hört man zwitschern. “Ich muss allerdings sagen, dass je länger ich in dem Bereich arbeite, auch ganz klar die Schattenseiten sehe und auch immer deutlicher zu spüren bekomme”, fügt er auf die Frage hinzu. Das ganze Rechtsystem in Deutschland sei auf den Täter ausgerichtet und kümmere sich nicht um das Opfer. Täter bekommen jede Art der Hilfe, die es zu geben scheint. Opfer hingegen, sogar von Gewaltdelikten, müssen sich mit ihrer Krankenkasse rumschlagen, ob ihr Psychologe überhaupt bezahlt wird. Es ist schnell merkbar, dass Volker dieser Aspekt besonders beschäftigt. Mitten im Erzählfluss ertönt eine laute Durchsage, ein Inhaftierter solle bitte umgehend zur Pforte kommen. Durch die Unterbrechung endet das Thema Opfer und Täter schneller als gewollt. Volker sammelt sich und kommt auf die ursprüngliche Frage zurück: Abgesehen von den banalen Vorteilen der Finanzierung und Sicherheit und der Arbeit mit Menschen ist es natürlich auch ein gutes Erfolgserlebnis, wenn gestrauchelte Straftäter, die nicht durch und durch kriminell sind, wieder auf den richtigen Weg gebracht werden. Er betont aber erneut, dass die Täter- und Opferbehandlung einfach nicht gerecht ist.

Ein Kollege kommt in Volkers Büro. Bis auf eine kurze Frage machen Sie nur Witze. Mit Volker ungestört mehr als 20 Minuten zu reden, scheint schlicht unmöglich zu sein. Volker fängt sich und berichtet weiter.

“Man muss aufpassen,dass der Umgang mit dem wirklich böse ausgedrückt,
Bodensatz der Gesellschaft, nicht abfärbt.”

Volker Märksch

© Sabine Märksch

Besonders die Sprache ist ein klares Beispiel dafür. Im Vollzug benutzt Volker einen ganz anderen Tonfall und eine ganz andere Ausdrucksweise als im privaten Bereich. “Ich gehe mit Inhaftierten natürlich anders um als mit meiner Frau oder meinen Kindern.” Manchmal verwischt das in Stresssituationen, da fällt er schneller in einen burschikoseren Tonfall als es gut ist. Volkers Frau Sabine bestätigt das: “Volker spricht auf der Arbeit berlinerisch. Normalerweise kann er das ausschalten wenn er nach Hause kommt. Manchmal braucht er aber doch noch eine Ansage von mir” ergänzt sie. Die durchaus groben Sprüche sind zwar manchmal lustig, aber teilweise auch überhaupt nicht.

Dass er auf der Arbeit einen anderen Sprachgebrauch hat, begründet Volker darin, dass viele Inhaftierte ihn nicht ernst nehmen, wenn er höfliche und nette Ansagen macht.

“Manchmal muss man einfach sagen: So jetzt reicht es und RAUS!”

Volker Märksch

Ein Moment Stille. Auf die Frage, welche psychischen Auswirkungen sein Beruf hat, muss Volker nachdenken. Die Auswirkungen haben sich verändert. Anfangs war er noch euphorisch und motiviert. Er dachte er kann Änderungen herbeiführen. Nach einer gewissen Zeit war er nur ernüchtert und entsetzt, was Menschen anderen Menschen antun können. Durch die detaillierten Akten sind die Inhaftierten gläsern für Volker: “Und da kann ich nur sagen, es gibt nichts was Menschen anderen Menschen nicht antuen können”. Dies hat dazu geführt, dass er zuerst nicht mehr das Gute im Menschen sieht, sondern das Negative. Außerdem ist der durch die Jahre abgestumpft, ihn erschreckt kaum noch was. “Man liest die Akten über die Menschen und lässt den Gedanken, was das für ein Monster ist in den Hintergrund rücken”, verdeutlicht er.

Ob sein Beruf seine gesellschaftlichen, kulturellen oder politischen Ansichten prägt, scheint eine komplizierte Frage zu sein. Volker beginnt seine Antwort drei Mal erneut von Vorn. “Der Vollzug ist ein Spiegel der Gesellschaft. Je besser es einer Gesellschaft geht, desto besser geht es auch den Inhaftierten.” Da Deutschland ein sehr reiches, demokratisches Land ist, hat der offene Strafvollzug überspitzt die Form einer “Hotelanlage” angenommen, meint Volker. Die einzige Einschränkung ist, dass die Inhaftierten in ihrer Freiheit beschränkt sind. Inhaftierte, mit Migrationshintergrund die eine andere Sozialisation erfahren haben und ein anderes Staatsbild haben, können mit dieser Freiheit im offenen Strafvollzug nicht umgehen. Da mittlerweile mehr als zwei Drittel der Inhaftierten einen Migrationshintergrund haben, stellt dies ein Problem dar. Volker stellt sich regelmäßig die Frage, ob es sinnvoll wäre einen härteren Weg im Strafvollzug zu gehen. “Aber da habe ich für mich auch noch keine abschließende Meinung gebildet – es ist Tagesform abhängig.”

Sabine sagt direkt, was Volker indirekt äußert: “Seine Arbeit wirkt sich ganz doll auf sein Privatleben aus und damit auch auf unser Privatleben, was seine politische Einstellung anbetrifft”.

“Er sagt immer, er erkennt es, kann aber nicht dagegen steuern,
dass er wirklich einen Rechtsruck sondergleichen erlebt.”

Sabine Märksch

Der Rechtsruck kommt daher, dass Volker tagtäglich mit Menschen zu tun hat, die vom deutschen Staat leben, aber selbst keine Deutschen sind. Sabine ist erschrocken darüber, dass Volker es nicht mehr schafft “seine Klappe gegenüber Dritten zu halten”. Er lässt mittlerweile keine Gelegenheit mehr aus, wo er ausländerfeindliche Sprüche, Pauschalisierungen oder Vorurteile gegenüber Freunden loslässt.

Wenn eine Straftat Volker doch noch belastet und er merkt, dass in ihm ein Rechtsruck vorgeht, dann lehnt er sich zurück, schaut in den Wald und lauscht dem Vogelzwitschern, dann ist er wieder beruhigt und es geht ihm besser. Der Wald ist jedoch nur eine Tapete und das Zwitschern, das kommt nur aus einer kleinen Box in seinem Zimmer und nicht von draußen.

© Helena Kost